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Beginn der Entscheidung

Gericht: Bundesgerichtshof
Urteil verkündet am 14.10.1999
Aktenzeichen: I ZR 117/97
Rechtsgebiete: ZPO, UrhG


Vorschriften:

ZPO § 253 Abs. 2 Nr. 2
ZPO § 313 Abs. 1 Nr. 4
UrhG § 19 Abs. 2
ZPO § 253 Abs. 2 Nr. 2, § 313 Abs. 1 Nr. 4

Ein nach mündlicher Verhandlung durch Urteil ausgesprochenes Gebot, die bühnenmäßige Aufführung eines Werkes zu unterlassen, ist nicht deshalb unbestimmt, weil es zur Konkretisierung seines Inhalts auf einen zu den Akten gereichten Videomitschnitt der konkret beanstandeten Aufführung Bezug nimmt. Dies gilt auch dann, wenn der Bild- und Tonträger mit der Urschrift der Entscheidung nicht körperlich verbunden wird.

UrhG § 19 Abs. 2

a) Die GEMA erwirbt nach § 1 Buchst. a des Berechtigungsvertrages bei Werken, die ihrer Art nach dramatisch-musikalische Werke sind, keine Rechte an der bühnenmäßigen Aufführung, auch wenn die Werke nicht als Bühnenwerke geschaffen worden sind.

b) Eine bühnenmäßige Aufführung im Sinne des § 19 Abs. 2 UrhG liegt jedenfalls in allen Fällen vor, in denen das Werk durch ein für das Auge oder für Auge und Ohr bestimmtes bewegtes Spiel im Raum dargeboten wird.

BGH, Urt. v. 14. Oktober 1999 - I ZR 117/97 - OLG Hamburg LG Hamburg


BUNDESGERICHTSHOF IM NAMEN DES VOLKES URTEIL

I ZR 117/97

Verkündet am: 14. Oktober 1999

Walz Justizamtsinspektor als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle

Musical-Gala

in dem Rechtsstreit

Der I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat auf die mündliche Verhandlung vom 14. Oktober 1999 durch den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Erdmann und die Richter Dr. v. Ungern-Sternberg, Starck, Pokrant und Dr. Büscher

für Recht erkannt:

Tenor:

Die Revision gegen das Urteil des Hanseatischen Oberlandesgerichts Hamburg, 3. Zivilsenat, vom 10. April 1997 wird auf Kosten der Beklagten zurückgewiesen.

Von Rechts wegen

Tatbestand:

Die Beklagte veranstaltet seit 1993 mit einem Tournee-Theater in der Bundesrepublik Deutschland Aufführungen mit Musik und Texten aus Musicals des Komponisten Webber. Im Rahmen einer "Andrew-Lloyd-Webber-Musical-Gala" führte die Beklagte am 5. Dezember 1994 in Hamburg Stücke aus dem von Webber als Komponisten und Tim Rice als Textdichter geschaffenen Werk "Joseph and the amazing technicolor dreamcoat" (im folgenden: "Joseph") ganz oder in Ausschnitten auf. Ein Videomitschnitt dieser Aufführung ist von der Klägerin als Anlage K 3 vorgelegt worden; nach Abschluß des Berufungsverfahrens ist diese Anlage zurückgegeben worden.

Die Klägerin ist der Ansicht, daß Aufführungen dieser Art die urheberrechtlichen Nutzungsrechte an "Joseph", die sie von Webber und Rice erworben habe, verletzten. Die Beklagte habe "Joseph" am 5. Dezember 1994 in Hamburg und zuvor am 2. Dezember 1994 in Kiel in einer Kurzfassung von etwa 15 Minuten Dauer, in die sie elf Stücke aus "Joseph" ganz oder in Teilen aufgenommen habe, bühnenmäßig aufgeführt. Dem Zuschauer werde bei dieser Fassung der Eindruck einer vollständigen, in sich abgeschlossenen Geschichte vermittelt; es fehle nur das Ende mit der Versöhnung von Joseph und seinen Brüdern.

Die Klägerin hat beantragt,

1. der Beklagten bei Meidung von Ordnungsmitteln zu verbieten, das Musical "Joseph and the amazing technicolor dreamcoat" des Komponisten Sir Andrew Lloyd Webber bühnenmäßig aufzuführen, indem der gedankliche Inhalt des Werkes oder größerer Teile daraus durch bewegtes Spiel für Auge und Ohr des Publikums als eine sich gegenwärtig vollziehende Handlung vermittelt wird, wie aus der Anlage K 3 ersichtlich;

2. die Beklagte zu verurteilen, der Klägerin

a) Auskunft zu erteilen, wann und wo sie in der Bundesrepublik Deutschland das unter Ziffer 1 genannte Musical bühnenmäßig zur Aufführung gebracht hat;

b) darüber Rechnung zu legen, welche Bruttoeinnahmen bei denjenigen Veranstaltungen erzielt worden sind, in deren Rahmen das in dem Antrag zu Ziffer 1 genannte Musical bühnenmäßig aufgeführt worden ist;

3. festzustellen, daß die Beklagte verpflichtet ist, der Klägerin allen Schaden zu ersetzen, der ihr aus den unter Ziffer 1 genannten Handlungen entstanden ist und noch entstehen wird.

Die Beklagte hat demgegenüber die Ansicht vertreten, die Aufführung von Teilen aus "Joseph" im Rahmen der Musical-Gala habe zunächst zwölf Minuten gedauert, seit Mai 1995 jedoch nur noch rund sieben Minuten. Es handele sich um eine konzertante Darbietung, bei der die Aufführung der Einzelstücke mit Hilfe der Choreographie des Regisseurs D. R. ausgeschmückt werde. Für die Veranstaltungen seien jeweils Aufführungsrechte von der GEMA erworben worden.

Das Landgericht hat die Beklagte antragsgemäß verurteilt (LG Hamburg ZUM 1996, 980). Die Berufung der Beklagten ist zurückgewiesen worden (OLG Hamburg ZUM-RD 1998, 11).

Mit ihrer Revision, deren Zurückweisung die Klägerin beantragt, verfolgt die Beklagte ihren Klageabweisungsantrag weiter.

Entscheidungsgründe:

Die Revision der Beklagten hat keinen Erfolg.

I. Entgegen der Ansicht der Revision ist die Verurteilung der Beklagten zur Unterlassung hinreichend bestimmt (§ 253 Abs. 2 Nr. 2, § 313 Abs. 1 Nr. 4 ZPO).

1. Der Urteilsausspruch ist inhaltlich schon deshalb bestimmt, weil er mit der Bezugnahme auf die Videoaufzeichnung einer bestimmten Aufführung (Anlage K 3) die Handlung, die zukünftig unterlassen werden soll, d.h. die Wiederholung der Aufführung in der aufgezeichneten Art und Weise, konkret angibt. Für die inhaltliche Bestimmtheit des Urteilsausspruchs ist es dabei unschädlich, daß dieser mit dem abstrakt formulierten - an sich überflüssigen - Hinweis, aus welchen Gründen die auf dem Videomitschnitt aufgezeichnete Aufführung als bühnenmäßig anzusehen sei, auch Elemente der Begründung enthält.

2. Der Urteilsausspruch ist auch nicht deshalb als unbestimmt anzusehen, weil die als Anlage K 3 vorgelegte Videoaufzeichnung, auf die er Bezug nimmt, weder mit der Urschrift des landgerichtlichen Urteils noch mit der des Berufungsurteils fest verbunden worden ist.

a) Das Erfordernis der Bestimmtheit des Urteilsausspruchs soll allerdings umfassend der Rechtsklarheit und Rechtssicherheit hinsichtlich der Entscheidungswirkungen dienen. Dazu muß nicht nur sichergestellt werden, daß der Urteilsausspruch bei Erlaß des Urteils inhaltlich bestimmt ist; es muß auch gewährleistet sein, daß der Urteilsinhalt äußerlich in einer Art und Weise festgelegt wird, daß er auch danach bestimmbar bleibt, da andernfalls nach Rechtskraft der Entscheidung und insbesondere bei der Zwangsvollstreckung Unsicherheiten entstehen können. Aus diesem Grund muß der Urteilsausspruch in aller Regel aus sich heraus oder gegebenenfalls im Zusammenhang mit seiner Begründung bestimmbar sein, was zur Folge hat, daß der Urteilsinhalt grundsätzlich in einer einheitlichen Urkunde festzulegen ist. Dies gilt jedoch nicht ausnahmslos. In besonders gelagerten Fällen können bei der Bemessung der Anforderungen, die zur Sicherung der Bestimmtheit des Urteilsausspruchs aufzustellen sind, die Erfordernisse der Gewährung eines wirksamen Rechtsschutzes oder der Vermeidung eines unangemessenen Aufwands mit abzuwägen sein. Dies gilt insbesondere bei Entscheidungen, durch die eine Verurteilung zur Unterlassung ausgesprochen wird, weil der Gegenstand, auf den sich eine Verurteilung zur Unterlassung bezieht, häufig nicht mit Worten umschrieben werden kann. In diesen Fällen hilft zwar in aller Regel die Aufnahme einer Abbildung des betreffenden Gegenstandes in das Urteil (vgl. z.B. BGH, Urt. v. 30.9.1964 - Ib ZR 65/63, GRUR 1965, 198, 199 - Küchenmaschine; Urt. v. 6.2.1986 - I ZR 243/83, GRUR 1986, 673 = WRP 1986, 377 - Beschlagprogramm; vgl. weiter GroßkommUWG/Jacobs, Vor § 13 Rdn. 116 m.w.N.). Dies ist jedoch nicht immer ausreichend, um den Entscheidungsgegenstand genau festzulegen, etwa dann nicht, wenn es auf nicht abbildbare oder mit Worten beschreibbare Eigenschaften des Gegenstands ankommt (vgl. dazu auch - zum Unterlassungsurteil bei Geruchsimmissionen - BGH, Urt. v. 30.10.1998 - V ZR 64/98, NJW 1999, 356 f., zum Abdruck in BGHZ vorgesehen). In anderen Fällen kann der Gegenstand, auf den sich der Unterlassungsausspruch bezieht, nach Art und Umfang nicht in das Urteil aufgenommen werden, wie dies z.B. bei Unterlassungstiteln, die sich auf Kino- und Fernsehfilme oder auf Software beziehen, der Fall ist. Es ist deshalb in der Rechtsprechung anerkannt, daß in Sonderfällen in der gerichtlichen Entscheidung auch auf Anlagen, die zu den Akten gegeben worden sind, verwiesen werden kann (vgl. BGHZ 94, 276, 291 f. - Inkasso-Programm; 112, 264, 268 - Betriebssystem; BGH, Urt. v. 20.3.1997 - I ZR 246/94, GRUR 1997, 754 = WRP 1997, 748 - grau/magenta; Beschl. v. 14.2.1989 - X ZB 8/87, GRUR 1989, 494, 495 - Schrägliegeeinrichtung; vgl. weiter Baumbach/Lauterbach/Albers/Hartmann, ZPO, 57. Aufl., § 313 Rdn. 12; MünchKommZPO/Musielak, § 313 Rdn. 9; GroßkommUWG/Jacobs, Vor § 13 D Rdn. 115, 117; a.A. Stein/Jonas/Leipold, ZPO, 20. Aufl., § 313 Rdn. 19; Teplitzky, Wettbewerbsrechtliche Ansprüche, 7. Aufl., Kap. 57 Rdn. 5 f.; Pastor/Ahrens/Jestaedt, Der Wettbewerbsprozeß, 4. Aufl., Kap. 39 Rdn. 3, jeweils m.w.N.).

Die Bestimmtheit der gerichtlichen Entscheidung ist in diesen Fällen nicht davon abhängig, daß die Anlage mit der Urschrift der Entscheidung körperlich verbunden wird. In vielen Fällen wäre dies eine reine Förmelei, z.B. dann, wenn sich eine Unterlassungsverurteilung auf ein in hoher Auflage erschienenes Buch bezieht. So ist es seit jeher gerichtliche Übung, bei der Verurteilung zur Unterlassung der Vervielfältigung und Verbreitung erschienener Bücher zumindest dann lediglich den Titel anzugeben, wenn die Entscheidung nicht vom Inhalt des Werkes abhängt (vgl. GroßkommUWG/Jacobs, Vor § 13 D Rdn. 116 m.w.N.). In diesen Fällen werden vielfach nicht einmal Werkexemplare zu den Akten gereicht. Anders ist die Sachlage allerdings, wenn die in Bezug genommene Anlage in der Entscheidung nicht mit der erforderlichen Sicherheit bereits durch einen Werktitel oder - etwa bei DIN-Normen - durch eine sonstige Bezeichnung zweifelsfrei und beständig bezeichnet werden kann, sondern wenn - wie dies auch hier der Fall ist - gerade der Inhalt der konkret im Verfahren vorgelegten Anlage dafür maßgeblich ist, welche Wirkungen die Entscheidung hat. Es mag in diesen Fällen zweckmäßig sein, in der Entscheidung nicht nur inhaltlich auf die Anlage mit deren genauer Bezeichnung Bezug zu nehmen, sondern sie auch körperlich mit der Urschrift der Entscheidung zu verbinden. Aus Gründen der Rechtssicherheit und der Rechtsklarheit ist dies aber zumindest bei Entscheidungen in Hauptsacheverfahren, die aufgrund streitiger Verhandlung ergehen, nicht zwingend erforderlich (vgl. dazu auch BGHZ 94, 276, 291 - Inkasso-Programm; OLG Frankfurt am Main NJW-RR 1996, 750). Die betreffende Anlage ist in diesen Fällen den Prozeßparteien bekannt und als Aktenbestandteil festgelegt. So war es im übrigen auch im vorliegenden Fall: Die in Bezug genommene Videokassette ist ausweislich des Protokolls der mündlichen Verhandlung vom 3. April 1997, nachdem sie das Berufungsgericht in Augenschein genommen hatte, ausdrücklich als die im Tenor des landgerichtlichen Urteils bezeichnete Anlage festgestellt und gekennzeichnet worden. Bei der Vollstreckung von Unterlassungstiteln kann auf in Bezug genommene, zu den Akten gereichte Anlagen in aller Regel ohne weiteres zurückgegriffen werden. Dies gilt um so mehr, als bei Unterlassungstiteln das erkennende Gericht selbst Vollstreckungsgericht ist (§ 890 Abs. 1 Satz 1 ZPO). Die Gefahr des Verlustes der Anlage oder - wie im vorliegenden Fall - ihrer vorzeitigen Rückgabe an die Partei, die sie vorgelegt hat, ist allerdings nicht zu übersehen. Diese Gefahr rechtfertigt es aber nicht, bereits dem Unterlassungsausspruch als solchem die Bestimmtheit abzusprechen. Verwirklicht sich diese Gefahr, wird der Titel dadurch auch nicht unbestimmt; es gilt insoweit nichts anderes als in den Fällen, in denen die Urteilsurkunde ganz oder teilweise zerstört wird oder verloren geht. Gegebenenfalls kann der Titelinhalt auf Klage hin festgestellt werden (vgl. BGHZ 4, 314, 321 f.; BGH, Urt. v. 3.6.1997 - XI ZR 133/96, NJW 1997, 2320, 2321; Stein/Jonas/Schumann aaO § 256 Rdn. 35, 81).

b) Im vorliegenden Fall steht zudem der Inhalt des Urteilsausspruchs - selbst nach der Rückgabe der darin genannten Videokassette (Anlage K 3) an die Klägerin - bereits dadurch fest, daß sich Inhalt und Charakter der auf der Videokassette aufgezeichneten Aufführung aus den Feststellungen in den Entscheidungsgründen des angefochtenen Urteils (und des darin in Bezug genommenen landgerichtlichen Urteils) mit hinreichender Bestimmtheit ergeben.

II. Das Berufungsgericht hat auch zu Recht entschieden, daß die Klägerin nach § 97 Abs. 1 i.V. mit § 19 Abs. 2 UrhG von der Beklagten Unterlassung der Aufführung von Musik und Texten aus "Joseph" verlangen kann, wenn diese bühnenmäßig ist, wie bei der Aufführung vom 5. Dezember 1994 in Hamburg, die auf dem Videomitschnitt festgehalten ist.

1. Das Berufungsgericht hat rechtsfehlerfrei angenommen, daß die Klägerin zur Geltendmachung der Nutzungsrechte an der bühnenmäßigen Aufführung von "Joseph" berechtigt ist.

a) Das Berufungsgericht hat festgestellt, daß die Klägerin von den Urheberberechtigten die weltweiten Nutzungsrechte an dem Werk erworben hat. Ob dies auch für die Rechte gilt, die der GEMA nach deren Berechtigungsvertrag von Komponisten und Textdichtern eingeräumt werden, hat das Berufungsgericht ungeprüft gelassen, weil der Berechtigungsvertrag Rechte an einer bühnenmäßigen Aufführung der streitgegenständlichen Art nicht erfasse. Das Berufungsgericht hat dazu ausgeführt, die Bestimmung des § 1 Buchst. a des Berechtigungsvertrages der GEMA schließe das Recht der bühnenmäßigen Aufführung allgemein, nicht nur bei Bühnenwerken, von der Rechtseinräumung aus. Dies ergebe sich daraus, daß diese Bestimmung an § 19 Abs. 2 UrhG anknüpfe, der das Recht zur bühnenmäßigen Aufführung auch für Werke gewähre, die nicht für die Bühne geschaffen worden seien.

b) Die Beurteilung des Berufungsgerichts, daß die Aktivlegitimation der Klägerin schon deshalb nicht an einem Vorerwerb der GEMA scheitert, weil die streitgegenständlichen Rechte von einem etwa geschlossenen Berechtigungsvertrag nicht erfaßt wären, greift die Revision im Ergebnis ohne Erfolg an. Die an sich vorrangige Frage, ob der GEMA überhaupt Nutzungsrechte an "Joseph" zur Wahrnehmung eingeräumt worden sind, kann danach auch im Revisionsverfahren offenbleiben.

(1) Gemäß § 1 Buchst. a des Berechtigungsvertrages der GEMA (in der Fassung vom 30.6./1.7.1981, abgedruckt bei Schulze, Urhebervertragsrecht, 3. Aufl. 1982, S. 646, die wortgleich ist mit der Fassung vom 9./10.7.1996, abgedruckt in GEMA-Jahrbuch 1998/99, S. 181, von der die Parteien gemeinsam ausgehen) überträgt der Berechtigte der Verwertungsgesellschaft,

"die Aufführungsrechte an Werken der Tonkunst mit oder ohne Text, jedoch unter Ausschluß der bühnenmäßigen Aufführung dramatisch-musikalischer Werke, sei es vollständig, als Querschnitt oder in größeren Teilen.

Bühnenmusiken, soweit sie nicht integrierender Bestandteil des Bühnenwerkes sind, Bühnenschauen, Filmbegleitmusik, Einlagen in Revuen, Einlagen in Operetten, Possen und Lustspielen, melodramatische und Kabarettaufführungen sind Gegenstand dieses Vertrages, soweit es sich nicht um die Aufführung von Bestandteilen dramatisch-musikalischer Werke in anderen Bühnenwerken handelt."

aa) Nach dieser Bestimmung, die der Senat auch als Revisionsgericht selbst auslegen kann (vgl. BGH, Urt. v. 18.3.1960 - I ZR 121/58, GRUR 1960, 604, 606 - Eisrevue I - zu § 1 Buchst. a des Berechtigungsvertrages der GEMA in einer früheren Fassung; Urt. v. 25.2.1966 - Ib ZR 30/64, GRUR 1966, 567, 569 - GELU), gilt der Ausschluß der Rechtseinräumung hinsichtlich der bühnenmäßigen Aufführung nicht nur für Werke, die als Bühnenwerke für die bühnenmäßige Aufführung bestimmt sind, sondern für alle Werke, die ihrer Art nach als "dramatisch-musikalische Werke" bezeichnet werden können. Für die weitergehende Auffassung des Berufungsgerichts, nach der die GEMA gemäß § 1 Buchst. a des Berechtigungsvertrages überhaupt keine Rechte an bühnenmäßigen Aufführungen erwirbt, fehlt allerdings eine hinreichende Begründung. Anders als das Berufungsgericht offenbar gemeint hat, läßt der Umstand, daß das Recht der bühnenmäßigen Aufführung nach § 19 Abs. 2 UrhG für alle Werke gewährt wird, unabhängig davon, zu welchem Zweck sie geschaffen worden sind, keinen Schluß darauf zu, in welcher Weise über dieses Recht im Berechtigungsvertrag der GEMA verfügt wird. Die Ansicht, der Ausschluß der Rechtseinräumung in § 1 Buchst. a des Berechtigungsvertrages gelte für das Recht der bühnenmäßigen Aufführung in vollem Umfang, steht vielmehr weder mit dem Wortlaut dieser Bestimmung noch mit ihrem Sinn und Zweck in Einklang.

Für die Auslegung des Umfangs einer Rechtseinräumung ist auch bei Wahrnehmungsverträgen mit Verwertungsgesellschaften der Zweckübertragungsgedanke maßgeblich (vgl. BGH, Urt. v. 5.6.1985 - I ZR 53/83, GRUR 1986, 62, 66 - GEMA-Vermutung I, insoweit nicht in BGHZ 95, 274; Urt. v. 15.10.1987 - I ZR 96/85, GRUR 1988, 296, 299 - GEMA-Vermutung IV; Schricker/Reinbothe, Urheberrecht, 2. Aufl., § 6 WahrnG Rdn. 5; Hertin in Fromm/Nordemann, Urheberrecht, 9. Aufl., §§ 31/32 Rdn. 40).

Dem Berechtigungsvertrag liegt maßgeblich der Zweck zugrunde, der GEMA als Verwertungsgesellschaft zur kollektiven Wahrnehmung Rechte einzuräumen, deren individuelle Wahrnehmung dem einzelnen Urheberberechtigten nicht möglich ist, während Rechte, die der Urheberberechtigte individuell verwerten kann, diesem verbleiben sollen (vgl. Kreile/Becker in Moser/Scheuermann (Hrsg.), Handbuch der Musikwirtschaft, 4. Aufl., S. 663, 664). Eine individuelle Wahrnehmung des Rechts der bühnenmäßigen Aufführung, das herkömmlich meist in der Hand von Bühnenverlagen liegt (vgl. Schack, Urheber- und Urhebervertragsrecht, Rdn. 1068), bietet sich - unabhängig von der ursprünglichen Bestimmung für die bühnenmäßige Aufführung - bei allen Werken an, die in der Weise "dramatisch-musikalischer" Art sind, daß sie als solche "in Szene" gesetzt werden können. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn schon im Ablauf der Wiedergabe des Werkes ein geschlossenes, dramatisch angelegtes Geschehen vermittelt wird.

Eine individuelle Rechtswahrnehmung ist jedoch nicht in allen Fällen der bühnenmäßigen Aufführung von Werken sinnvoll. Gerade Musikwerke können in Bühnenaufführungen in verschiedenster Weise so integriert werden, daß sie bei diesen Aufführungen auch selbst als bühnenmäßig aufgeführt anzusehen sind, ohne selbst als dramatisch-musikalische Werke angelegt zu sein (z.B. die Wiedergabe eines Schlagers in einer Art und Weise, in der er integrierender Bestandteil einer Bühnenaufführung ist). Eine individuelle Rechtswahrnehmung ist den Urheberberechtigten in solchen Fällen aber kaum möglich. Es entspricht daher nicht dem Sinn und Zweck der Rechtseinräumung in § 1 Buchst. a des Berechtigungsvertrages, dieser Bestimmung auch einen Vorbehalt hinsichtlich der Einräumung von Rechten an solchen Werknutzungen zu entnehmen.

bb) Das Berufungsgericht hat zutreffend angenommen, daß der Begriff der bühnenmäßigen Aufführung in § 1 Buchst. a des Berechtigungsvertrages der GEMA denselben Inhalt hat wie der in § 19 Abs. 2 UrhG bei der Definition des Aufführungsrechts verwendete Begriff der bühnenmäßigen Darstellung. Danach liegt eine bühnenmäßige Aufführung jedenfalls in allen Fällen vor, in denen das Werk durch ein für das Auge oder für Auge und Ohr bestimmtes bewegtes Spiel im Raum dargeboten wird (vgl. - zu § 11 Abs. 2 LUG - BGH, Urt. v. 18.3.1960 - I ZR 75/58, GRUR 1960, 606, 608 - Eisrevue II; Ulmer, Urheber- und Verlagsrecht, 3. Aufl., S. 248; vgl. weiter Nordemann in Fromm/Nordemann aaO § 19 Rdn. 3; Schricker/v. Ungern-Sternberg aaO § 19 Rdn. 18 ff.). Entgegen der Ansicht der Revision ist es dabei unerheblich, ob das dargebotene Werk gemeinfreies schöpferisches Gut - wie hier die im Alten Testament erzählte Geschichte von Joseph und seinen Brüdern - bearbeitet hat. Der Begriff der bühnenmäßigen Aufführung kennzeichnet eine bestimmte Art und Weise der Darbietung. Es kann zwar in Fällen, in denen bei einer Aufführung verschiedene selbständige Werke dargeboten werden, gegebenenfalls zu prüfen sein, ob auch die einzelnen Werkbeiträge derart integrierender Bestandteil des Spielgeschehens sind, daß auch sie als bühnenmäßig aufgeführt anzusehen sind (vgl. dazu BGH GRUR 1960, 604, 605 - Eisrevue I; vgl. auch BGH, Urt. v. 19.1.1962 - I ZR 71/60, GRUR 1962, 256, 257 - Im weißen Rößl; Schricker/v. Ungern-Sternberg aaO § 19 Rdn. 24 f.). Diese Frage stellt sich aber nicht, wenn ein Werk aufgeführt wird, das als solches auf verschiedenen schöpferischen Beiträgen beruht, z.B. weil es - wie hier - eine gemeinfreie Geschichte gestaltet hat.

(2) Ausweislich der Feststellungen des Landgerichts, auf die das Berufungsgericht Bezug genommen hat, ist "Joseph" seinem Charakter nach ein dramatisch-musikalisches Werk im Sinne des § 1 Buchst. a des Berechtigungsvertrages. Webber (als Komponist) und Rice (als Textdichter) haben "Joseph" - im Rechtssinn eine Werkverbindung im Sinne des § 9 UrhG - zwar zunächst in einer kürzeren Ursprungsversion (sog. "Abridged Edition") für eine Schulaufführung geschaffen, die möglicherweise nicht bühnenmäßig, sondern nur konzertant war. Spätere erweiterte Fassungen (u.a. die sogenannte "Complete Version") waren aber auch für Bühnenproduktionen bestimmt. Entscheidend für die Beurteilung, daß "Joseph" in den vorgelegten Fassungen ein dramatisch-musikalisches Werk im Sinne des Berechtigungsvertrages der GEMA darstellt, ist jedoch nicht, ob "Joseph" als Werk für die Bühne bestimmt war, sondern daß Webber und Rice mit den Liedern und Texten darin die im Alten Testament (1. Buch Mose) erzählte Geschichte von Joseph und seinen Brüdern in einer für die Umsetzung auf die Bühne geeigneten Art und Weise gestaltet haben. Dem steht nicht entgegen, daß in den vorgelegten Fassungen Hinweise zu szenischen Handlungsabläufen fehlen.

2. Die der Klägerin danach zustehenden Rechte an der bühnenmäßigen Aufführung von "Joseph" sind von der Beklagten verletzt worden. Eine Aufführung von Teilen und Ausschnitten aus "Joseph", wie sie am 5. Dezember 1994 in Hamburg stattgefunden hat, ist nach den vom Berufungsgericht anhand des Videomitschnitts (Anlage K 3) getroffenen Feststellungen eine bühnenmäßige Aufführung im Sinne des § 1 Buchst. a des Berechtigungsvertrages.

a) Das Landgericht, das die Aufführung der "Musical-Gala" am 5. Dezember 1994 im selbständigen Beweisverfahren gesehen hat und dem zudem der Videomitschnitt dieser Aufführung (Anlage K 3) zur Verfügung stand, hat zum Inhalt sowie der Art und Weise dieser Aufführung Feststellungen getroffen, die sich das Berufungsgericht, das den Videomitschnitt in Augenschein genommen hat, durch Bezugnahme zu eigen gemacht hat. Die streitgegenständliche Aufführung hat danach zwar nur eine gekürzte Fassung von "Joseph" wiedergegeben, die aber deutlich dessen wesentlichen Handlungsablauf erkennen ließ. Wie das Berufungsgericht ergänzend ausgeführt hat, wurde dabei der gedankliche Inhalt des Werkes oder seiner Bestandteile durch bewegtes Spiel für Auge und Ohr des Publikums als eine gegenwärtig sich vollziehende Handlung vermittelt.

Im einzelnen haben die Vorinstanzen zur Aufführung der Beklagten folgendes festgestellt: Nach einem allgemeinen Vorspruch über den Menschen und seine Träume werden Jacob und seine Söhne mit dem Lied "Jacob and Sons" (in gekürzter Fassung) vorgestellt. Jacob zeigt seine besondere Liebe zu Joseph, indem er ihm einen Mantel schenkt (Lied "Joseph's Coat" in gekürzter Fassung). Dies ärgert seine Brüder; besonders erbost sind diese aber über die Träume, die ihnen Joseph erzählt (Lied "Joseph's Dreams" mit nur einer von elf Strophen sowie dem von Webber und Rice an das Ende ihres Werkes gesetzten Lied "Any Dream will do"). Sie planen deshalb ein Verbrechen an Joseph und führen es durch: Joseph wird überfallen, sein Mantel zerrissen und er selbst als Sklave nach Ägypten verkauft ("Poor Poor Joseph" in gekürzter Fassung). Der Pharao wird von Alpträumen geplagt ("Pharaoh Story" und "Poor Poor Pharaoh" in gekürzter Fassung). Joseph deutet die Träume und wird vom Pharao zum zweiten Mann im Staat erhoben ("Stone The Crows" in gekürzter Fassung). Als Abschluß werden zwei Lieder gebracht ("Give Me My Coloured Coat" und "Go Go Joseph"), die jedoch die Handlung nicht mehr weiterführen.

Die tatrichterlichen Feststellungen bestätigend läßt sich auch der von der Beklagten selbst vorgelegten Übersicht über den Inhalt des Videomitschnitts (Anlage B 5) entnehmen, daß die Handlung von den mitwirkenden Künstlern in szenischer Darstellung (unter Benutzung entsprechender Requisiten) verkörpert wird.

b) Ob ein dramatisch-musikalisches Werk - sei es vollständig oder in Teilen - "bühnenmäßig" aufgeführt wird, ist weitgehend eine Frage tatsächlicher Würdigung. Der revisionsgerichtlichen Überprüfung unterliegt hier nur, ob die mit dem Landgericht übereinstimmende Beurteilung des Berufungsgerichts auf einem rechtsfehlerhaften Verständnis des Begriffs der bühnenmäßigen Aufführung beruht (vgl. BGH GRUR 1960, 604, 605 - Eisrevue I).

Diese revisionsrechtliche Prüfung ist dem Senat bereits aufgrund der getroffenen Feststellungen möglich, obwohl die Videokassette (Anlage K 3) mit dem Mitschnitt der streitgegenständlichen Aufführung vom 5. Dezember 1994 dem Senat - anders als den Vorinstanzen - nicht vorliegt und im Revisionsverfahren keine Feststellungen dazu getroffen werden können, ob eine der von der Klägerin dem Senat vorgelegten Videokassetten mit der im Berufungsurteil in Bezug genommenen Anlage K 3 identisch oder inhaltsgleich ist. Der Senat ist als Revisionsgericht ohnehin an die tatrichterlich getroffenen Feststellungen als solche gebunden. Der Umstand, daß ihm selbst die Grundlagen dieser Feststellungen - wie hier der dem Berufungsgericht noch vorliegende Videomitschnitt - nicht (mehr) zugänglich sind, ändert daran nichts (vgl. dazu auch den Fall "Eisrevue I", in dem die tatrichterlichen Feststellungen allein auf einer Einnahme des Augenscheins beruhten, BGH GRUR 1960, 604, 605).

Aus den getroffenen Feststellungen, die von der Revision als solche nicht angegriffen werden, ergibt sich ohne weiteres, daß die "Joseph" in Teilen und Ausschnitten entnommenen Werke in der streitgegenständlichen Vorstellung vom 5. Dezember 1994 bühnenmäßig aufgeführt worden sind.

III. Das Berufungsgericht hat weiterhin zutreffend festgestellt, daß die Beklagte zum Schadensersatz wegen der Verletzung der Rechte der Klägerin verpflichtet ist (§ 97 Abs. 1 UrhG). Die Beurteilung, daß die Beklagte zumindest fahrlässig gehandelt hat, ist rechtsfehlerfrei und wird von der Revision auch nicht angegriffen.

Ebenfalls rechtsfehlerfrei ist die Zuerkennung der Ansprüche auf Auskunftserteilung und Rechnungslegung als Hilfsansprüche zur Durchsetzung des Schadensersatzanspruchs (§ 242 BGB, § 97 Abs. 1 Satz 2 UrhG).

IV. Danach war die Revision der Beklagten zurückzuweisen.

Die Kostenentscheidung beruht auf § 97 Abs. 1 ZPO.

Ende der Entscheidung


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