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Beginn der Entscheidung

Gericht: Bundesverwaltungsgericht
Urteil verkündet am 08.10.2003
Aktenzeichen: BVerwG 8 C 28.02
Rechtsgebiete: VermG, Bodenreform-Verordnung


Vorschriften:

VermG § 1 Abs. 1 Buchst. a
VermG § 1 Abs. 8 Buchst. a
Bodenreform-Verordnung
Zum konkreten Enteignungsverbot der sowjetischen Besatzungsmacht im Zuge der Bodenreform (wie Urteil vom 24. September 2003 - BVerwG 8 C 27.02 -)
BUNDESVERWALTUNGSGERICHT IM NAMEN DES VOLKES URTEIL

BVerwG 8 C 28.02

In der Verwaltungsstreitsache

hat der 8. Senat des Bundesverwaltungsgerichts auf die mündliche Verhandlung vom 24. September 2003 und nach der Beratung am 8. Oktober 2003 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Müller und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Pagenkopf, Krauß, Golze und Postier

für Recht erkannt:

Tenor:

Die Revisionen des Beklagten und der Beigeladenen gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Magdeburg vom 8. Februar 2000 werden zurückgewiesen.

Der Beklagte und die Beigeladene tragen die Kosten des Revisionsverfahrens je zur Hälfte.

Gründe:

I.

Der Kläger begehrt die Feststellung der vermögensrechtlichen Berechtigung an dem Rittergut S., welches ehemals aus ca. 200 ha Grund in den Orten S. und Umgebung gelegen hat. Das Gut befand sich ursprünglich im Eigentum der Eheleute Johannes und Martha T. Es wurde zum Ende des 2. Weltkrieges durch deren Sohn Wilhelm Ernst und dessen Ehefrau Annalouise T. bewirtschaftet.

Wilhelm Ernst T. war auf Anordnung des NKWD der Sowjetunion vom 27. August 1945 bis zum 7. Februar 1950 im Speziallager Buchenwald als "aktiver Faschist" interniert. Er wurde posthum durch Bescheid der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation vom 28. Juni 1995 rehabilitiert. Auch Johannes und Martha T. wurden nach Angaben des Klägers für eine Überprüfung durch sowjetische Dienststellen festgenommen, aber wenige Tage später wieder freigelassen. Zusammen mit ihrer Schwiegertochter Annalouise T. lebten sie im August 1945 zunächst noch auf dem Gut. Später verzog die Familie mit Genehmigung des Bezirkspräsidenten in M. nach W. Am 10. Januar 1946 protestierte der Landrat beim Kreiskommandanten gegen den Verbleib der Familie in W., ohne jedoch eine Abschiebung der Familie in den Kreis D. zu erreichen.

Annalouise T. bat mit Schreiben vom 10. September 1945 den Präsidenten der Provinz S., "eine eventuelle Enteignung" des Gutes zu überprüfen, da S. in der Pferdezucht des Landes eine führende Rolle spiele und zum Wiederaufbau des Landes wesentlich beitragen könne. Die Landwirtschaftskammer der Provinz S. und der Landstallmeister des Preußischen Landesgestüts K. bestätigten bedeutende Erfolge in der Aufzucht von Kaltblutpferden und eine große Bedeutung des Gutes S. für den Wiederaufbau der Landwirtschaft. In seiner Antwort wies der Präsident der Provinz S. darauf hin, dass nach der Verordnung über die Bodenreform alle Betriebe über 100 ha enteignet würden; über eine Ausnahme von der Aufteilung des Gutes im Hinblick auf die Notwendigkeit der Pferdezucht befinde die Provinzial-Bodenkommission, deren Entscheidung abgewartet werden möge.

Am 22. September 1945 wurde Walter E. durch den Landrat von W., Abteilung für Bodenreform, zum Treuhänder über das Rittergut S. bestellt. Mit Schreiben vom 26. September 1945 ersuchte er den Präsidenten der Provinz S. mit dem Hinweis, das Gut sei "zurzeit Eigentum der Provinz S.", die für die Aufrechterhaltung der "hochwertigen" Pferdezucht notwendigen Grundflächen zu erhalten. Der Präsident der Provinz S. ordnete am 11. Oktober 1945 an, dass "die Versuchswirtschaft S." im Kreis W. gemäß Art. IV, 14 der Bodenreformverordnung erhalten bleibe und nicht aufgeteilt werde.

Das Gut ist auf einer Reihe von Listen als enteignet aufgeführt. Es findet sich jedoch nicht in einer Information des Rates des Kreises W. an das "Neue Deutschland" vom 28. April 1948 über enteignete Güter; es ist auch nicht in einem weiteren, nicht datierten "Verzeichnis über aufgeteilte Betriebe über 100 ha" und einer ebenfalls undatierten Karte der aufgeteilten Rittergüter enthalten. Ausweislich von fünf Mitteilungen des Amtsgerichts W. vom April 1946 sind verschiedene Flächen der Gemarkung S., M. und W. mit einer Gesamtgröße von 22,3541 ha, welche im Eigentum des Johannes T. und seiner Ehefrau standen, auf einzelne Landwirte umgeschrieben worden, wobei jeweils in Abteilung II des Grundbuchs der Bodenreform-Sperrvermerk eingetragen worden ist. Ein Antrag auf Grundbuchberichtigung des Landrats von W. vom 25. August 1946 verlangt die Umschreibung von Flächen des Rittergutes Johannes T. in S. auf den Präsidenten der Provinz S. Nach einem Schreiben des Amtsgerichts Q. vom 25. Januar 1949 an den Rat des Kreises Q. ist das Gut am 5. Oktober 1946 in das Grundbuch von S. Band 3 Blatt 107 übertragen und auf den Präsidenten der Provinz S. eingetragen worden.

Ob das Gut S. gegen den Willen der sowjetischen Besatzungsmacht enteignet worden ist, ist zwischen den Beteiligten umstritten. Das Stadtarchiv der Stadt W. hat eine Abschrift eines an den Landrat des Kreises W., Abteilung Bodenreform, gerichteten Schreibens des Oberbürgermeisters in W. vom 10. Februar 1946 dem Verwaltungsgericht übersandt, mit dem Betreff "Bodenreform Familie T., Gut S. und R.". Es lautet:

"Auf erneute Anfrage wird mitgeteilt, dass auf hohe sowjetische Anweisung das Eigentum der Familie T. nicht berührt wird. Die Familie, insbesondere das Ehepaar Johannes und Martha T. verbleibt in deren Eigentum. Die Güter Storkau und Reinsdorf beteiligen sich an der Bereitstellung von Erträgen für die Volksernährung und werden gleichzeitig durch fortschrittliche Kräfte unterstützt. Dies gilt weiterhin unbeschränkt für die Zukunft. i.A. Unterschrift".

Im Jahre 1953 ist im Grundbuch von S. Band 1 Blatt 16 und Blatt 107 Eigentum des Volkes unter Rechtsträgerschaft des volkseigenen Gutes S. eingetragen worden; dort war zuvor der Präsident der Provinz S., vertreten durch die Abteilung Land- und Forstwirtschaft in H./S., eingetragen gewesen.

Johannes T. verstarb 1948 in Weißenfels und Martha T. 1959 in Bad K. Mit Testament vom 12. Februar 1938 hatten sich die Eheleute gegenseitig als alleinige Vorerben eingesetzt und die Söhne Wilhelm Ernst und Carl T. zu Nacherben des Längst-lebenden bestimmt. Nach diesem Testament sollte Wilhelm Ernst T. das Gut S. erhalten. Dieser verstarb am 31. Dezember 1981. Der Kläger ist laut Erbschein des Amtsgerichts W. vom 18. September 1994 alleiniger Erbe.

Seinen Restitutionsantrag hat das Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen mit Bescheid vom 15. Oktober 1996 abgelehnt, weil das Gut im Zuge der Bodenreform enteignet worden sei.

Das die Klage abweisende Urteil des Verwaltungsgerichts Magdeburg hat das Bundesverwaltungsgericht aufgehoben und den Rechtsstreit zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung an das Verwaltungsgericht zurückverwiesen.

Der Kläger hat geltend gemacht, verschiedene Indizien würden belegen, dass das Gut nicht im Zuge der Bodenreform enteignet und aufgeteilt worden sei. Vielmehr sei es - wenn überhaupt - erst 1953 in Volkseigentum überführt worden. Eine Aufteilung des Gutes sei nicht durch beweiskräftige Dokumente belegt. Die Familie T. sei in W. verblieben und habe bis in die 50er Jahre hinein entscheidenden Einfluss auf die Leitung des Gutes gehabt. Gerade die ungeteilte Weiterführung als Mustergut spreche gegen eine Enteignung. Die Beweiskraft der Listen enteigneter Güter, auf denen das Gut S. aufgeführt sei, werde bezweifelt. Die Familie T. habe unter dem Schutz der Besatzungsmacht gestanden, von der Johannes T. die Zusage erreicht habe, dass das Gut nicht enteignet werde. Es habe ein ausdrückliches Enteignungsverbot der Besatzungsmacht gegeben.

Der Kläger hat beantragt,

den Bescheid des Beklagten vom 15. Oktober 1996 aufzuheben und den Beklagten zu verpflichten, die vermögensrechtliche Berechtigung der Erbengemeinschaft nach Johannes und Martha T. am Gut S. festzustellen.

Der Beklagte hat beantragt,

die Klage abzuweisen,

und ausgeführt, das Gut sei im Zuge der Bodenreform zwar nicht umfassend aufgeteilt, aber jedenfalls enteignet worden. Mithin liege eine besatzungshoheitliche Enteignung vor, und der Restitutionsausschlussgrund von § 1 Abs. 8 Buchst. a VermG greife ein. Das Schreiben des Oberbürgermeisters von W. vom 10. Februar 1946 sei kein hinreichender Beleg für ein Enteignungsverbot der Besatzungsmacht, da es nicht einmal konkret benenne, welche sowjetische Stelle das Verbot ausgesprochen habe. Hätte die Familie T. tatsächlich den vom Kläger behaupteten Rückhalt bei der Besatzungsmacht gehabt, so wäre es ihr auch gelungen, die Enteignung zu verhindern.

Das Verwaltungsgericht hat nach Beweisaufnahme mit Urteil vom 8. Februar 2000 den ablehnenden Rückübertragungsbescheid aufgehoben und den Beklagten verpflichtet, die vermögensrechtliche Berechtigung der Erbengemeinschaft nach Martha und Johannes T. an dem Rittergut S. festzustellen. Das Rittergut sei im Zuge der Bodenreform wider ein konkretes Enteignungsverbot der Besatzungsmacht enteignet worden, sodass § 1 Abs. 8 Buchst. a VermG nicht einschlägig sei und daher eine Rückübertragung des Grundstücks erfolgen müsse. Das Enteignungsverbot ergebe sich aus dem Schreiben des Oberbürgermeisters von W. und der Aussage des Zeugen S. in der mündlichen Verhandlung vom 15. Dezember 1999.

Mit der vom Senat zugelassenen Revision wehren sich der Beklagte und die Beigeladene gegen die Annahme des Verwaltungsgerichts, dass ein Enteignungsverbot vorliege.

Sie beantragen,

unter Aufhebung des Urteils des Verwaltungsgerichts Magdeburg vom 8. Februar 2000 die Klage abzuweisen.

Der Kläger tritt dem angefochtenen Urteil bei und beantragt

die Revision zurückzuweisen.

II.

Die Revisionen sind unbegründet. Das angegriffene Urteil verletzt kein Bundesrecht.

1. Das Verwaltungsgericht ist zutreffend davon ausgegangen, dass im vorliegenden Fall der Anwendungsbereich des Vermögensgesetzes eröffnet ist. Es liegt kein Fall einer Enteignung von Vermögenswerten auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage i.S. des § 1 Abs. 8 Buchst. a VermG vor. Von einer solchen Enteignung ist auszugehen, wenn und soweit die Enteignung auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage erfolgte, wobei Bodenreformenteignungen in aller Regel besatzungshoheitlicher Natur sind, da sie zwar auf Maßnahmen deutscher Stellen beruhten, aber grundsätzlich im Einverständnis mit der sowjetischen Besatzungsmacht erfolgten (vgl. BVerfGE 84, 90 <114>; Urteil vom 28. September 1995 - BVerwG 7 C 28.94 - BVerwGE 99, 268 <271 f.>; Urteil vom 30. November 1995 - BVerwG 7 C 69.94 - Buchholz 112 § 1 VermG Nr. 58). Für Enteignungen zwischen dem 8. Mai 1945 und dem 7. Oktober 1949 ist eine besatzungshoheitliche Grundlage bereits dann zu bejahen, wenn die Enteignungen auf Wünsche oder Anregungen der sowjetischen Besatzungsmacht zurückgingen oder sonst ihrem generellen oder im Einzelfall geäußerten Willen entsprachen, wobei es eines konkreten Vollzugsauftrags oder einer nachträglichen Bestätigung der betreffenden Enteignung durch die Sowjetmacht nicht bedarf. Da die Sowjetmacht aufgrund ihrer obersten Hoheitsgewalt zu einem jederzeitigen Eingriff in der Lage war, gilt dies auch dann, wenn die deutschen Stellen die geschaffenen Enteignungsgrundlagen exzessiv ausgelegt oder nach rechtsstaatlichen Maßstäben willkürlich angewendet haben sollten (vgl. BVerfGE 84, 90 <115, 122>; Urteil vom 28. Juli 1994 - BVerwG 7 C 14.94 - BVerwGE 96, 253 <257>; Urteil vom 13. Februar 1997 - BVerwG 7 C 50.95 - BVerwGE 104, 84 <85 f.>).

In der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ist weiterhin anerkannt, dass die von deutschen Stellen durchgeführten Enteignungen nicht der sowjetischen Besatzungsmacht zuzurechnen und daher vom Restitutionsausschluss des § 1 Abs. 8 Buchst. a VermG nicht erfasst werden, wenn sie einem generell oder im Einzelfall ausgesprochenen Verbot der Besatzungsmacht zuwider liefen (vgl. Urteil vom 30. Juli 1994 - BVerwG 7 C 58.93 - BVerwGE 96, 183 <186 f.>; Urteil vom 13. Februar 1997 - BVerwG 7 C 50.95 - BVerwGE 104, 84 <86>).

Für das Vorliegen eines generellen Verbots der entschädigungslosen Enteignung in der maßgeblichen Zeit von 1945 bis 1949 ist in dem vorliegenden Fall nichts ersichtlich. Ein solches galt etwa für die Enteignung ausländischer Vermögenswerte und bezog sich auch auf Enteignungen im Zuge der Bodenreform (vgl. hierzu Urteil vom 13. Februar 1997 - BVerwG 7 C 50.95 - BVerwGE 104, 84 <86>). Ein derartiges generelles Enteignungsverbot ist im Übrigen im Zusammenhang mit dem Befehl Nr. 154 der SMAD und den hierzu erlassenen Instruktionen erörtert worden (vgl. hierzu Urteil vom 2. August 2001 - BVerwG 7 C 26.00 - Buchholz 428 § 1 Abs. 8 VermG Nr. 18).

Das vorliegend - im Ergebnis vom Verwaltungsgericht zutreffend - bejahte konkrete Enteignungsverbot setzt nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts voraus, dass sich die Besatzungsmacht in einer ausdrücklich eine Enteignungsmaßnahme missbilligenden und korrigierenden Weise verhalten hat. Diese Formel hat der 7. Senat des Bundesverwaltungsgerichts in Verbindung mit seinen Darlegungen aufgestellt, unter welchen Bedingungen davon auszugehen ist, dass ein konkretes oder generelles Enteignungsverbot von der Besatzungsmacht außer Kraft gesetzt wurde (Urteil vom 13. Februar 1997 - BVerwG 7 C 50.95 - BVerwGE 104, 84 <89 f.>). Dabei sind die gleichen Anforderungen, die an die Aufhebung des Enteignungsverbots zu stellen sind, auch dafür herangezogen worden, unter welchen Vo- raussetzungen sich die Annahme eines Enteignungsverbots rechtfertigt. Der 7. Senat des Bundesverwaltungsgerichts hat dabei den Rechtssatz aufgestellt, dass der entsprechende Wille der Besatzungsmacht nicht schon aus einer bloßen Untätigkeit gegenüber einem das Verbot missachtenden Verstoß durch deutsche Stellen, sondern nur durch eine nach außen erkennbare Willensäußerung oder ein sonstiges aktives Handeln der Besatzungsmacht hergeleitet werden muss (Urteil vom 27. Juni 1996 - BVerwG 7 C 3.96 - BVerwGE 101, 282 <284 f.>; Urteil vom 13. Februar 1997 - BVerwG 7 C 50.95 - BVerwGE 104, 84 <89>).

Der erkennende Senat schließt sich dieser Rechtsprechung an und hält für das tatbestandsmäßige Vorliegen eines konkreten Enteignungsverbotes die beiden Kriterien für maßgebend, dass entweder eine nach außen erkennbare Willensäußerung der Besatzungsmacht oder ein sonstiges aktives Handeln der Besatzungsmacht vorliegt, aus denen sich die ausdrückliche Missbilligung und Korrektur ergibt. Über eine stillschweigende Hinnahme des Geschehens hinaus ist damit ein "actus contrarius" notwendig, da die sowjetische Besatzungsmacht im Allgemeinen nicht überprüfte, ob die Enteignungsaktionen in allen Einzelfällen mit ihren Vorstellungen übereinstimmte, sondern unter dem Vorbehalt eines Eingreifens im Einzelfall davon ausging, dass sich die deutschen Stellen grundsätzlich an den ihnen vorgegebenen rechtlichen und politischen Rahmen halten würden (Urteil vom 13. Februar 1997 - BVerwG 7 C 50.95 - BVerwGE 104, 84 <89>). Daraus folgt, dass der Zurechnungszusammenhang zwischen einer Enteignung und dem Einverständnis der Besatzungsmacht durch eine entgegenstehende, nach außen erkennbaren Willensäußerung oder ein entgegenstehendes sonstiges aktives Handeln der Besatzungsmacht unterbrochen sein muss. Dabei konnte nicht jedes von einem Angehörigen der sowjetischen Truppen in der SBZ stammende Schutzversprechen eine beachtliche besatzungshoheitliche Wirkung entfaltet haben. Vielmehr muss die Prüfung im Einzelfall eine Feststellung ermöglichen können, dass damit die Verantwortlichkeit der Besatzungsmacht begründet werden sollte. Eine Maßnahme deutscher Stellen aus jener Zeit kann nur dann einem besatzungshoheitlichen Ge- oder Verbot zuwider gelaufen sein, wenn dieses aus damaliger Sicht verbindlich gewesen ist. Das setzt eine Würdigung der Gesamtumstände des Einzelfalls voraus. Verschärfte Anforderungen für einen Nachweis eines konkreten Enteignungsverbotes sind mit dem Schutzzweck des § 1 Abs. 8 Buchst. a VermG nicht vereinbar. Dieser besteht darin, dass Akte der Besatzungsmacht in der fraglichen Zeit nicht durch deutsche Behörden auf ihre Richtigkeit und Rechtmäßigkeit zu überprüfen sind, da der Begriff der Enteignung auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage "keinerlei Bezug zur Rechtmäßigkeit der Enteignung aufweist" (BVerwGE 96, 253 <257>). Wenn der Restitutionsausschluss dazu dient, die Sowjetunion hinsichtlich der von ihr zu verantwortenden Enteignungen von jedem Unrechtsvorwurf freizustellen, so gilt dasselbe auch für die von der Besatzungsmacht ausgesprochenen Enteignungsverbote. Die heutige Restitution des betreffenden Vermögenswertes nach den Bestimmungen des Vermögensgesetzes würde gerade im Sinne des Handelns der Besatzungsmacht ausfallen und damit "im Gegenteil dem seinerzeit ausgesprochenen Verbot Rechnung tragen" (Urteil vom 13. Februar 1995 - BVerwG 7 C 53.94 - BVerwGE 98, 1 <9 f.>; Urteil vom 28. Juli 1994 - BVerwG 7 C 14.94 - BVerwGE 96, 253 <257>). Die Aufstellung strengerer Nachweis- oder Beweisanforderungen würde damit die Restitution des betreffenden Vermögenswertes gerade im Sinne der Herstellung des Willens der Besatzungsmacht erschweren, was nicht dem Zweck des § 1 Abs. 8 Buchst. a VermG entspricht.

Misst man an diesen Grundsätzen die Entscheidung des Verwaltungsgerichts, so ist dessen Annahme, dass aus dem amtlichen Schreiben des Oberbürgermeisters der Stadt W. vom 10. Februar 1946, das an die für die Bodenreformdurchführung zuständige Stelle gerichtet war, die Existenz eines verbindlichen Enteignungsverbots einer "hohen sowjetischen Stelle" hervorgehe, revisionsrechtlich nicht zu beanstanden. Zum einen haben die Revisionskläger in Bezug auf die sorgfältige Tatsachenfeststellung des Verwaltungsgerichts, die es mit zahlreichen weiteren Indizien aus der damaligen Zeit untermauert hat, keine Verfahrensrügen erhoben. Zum anderen kann die Beweiswürdigung des Verwaltungsgerichts aufgrund des § 137 Abs. 2 VwGO vom Revisionsgericht nur auf die Verletzung allgemeinverbindlicher Beweiswürdigungsgrundsätze überprüft werden, wozu die allgemeinen Auslegungsgrundsätze, die gesetzlichen Beweisregeln, die Denkgesetze und die allgemeinen Erfahrungssätze gehören. Eine Verletzung dieser Grundsätze ist weder dargelegt noch in irgendeiner Weise ersichtlich. Insbesondere sind die vom Verwaltungsgericht indiziell verwerteten Umstände - das Weiterwohnen der Eheleute Johannes und Martha T. im Landkreis W., die Einflussnahme der Annalouise T. auf die Geschicke des Gutes in dieser Zeit und die das Gesamtgeschehen bestätigende Zeugenaussage des ehemaligen Arbeiters S. - revisionsrechtlich nicht zu beanstanden.

2. Es ist dem Gesamtzusammenhang der vom Verwaltungsgericht festgestellten Tatsachen und dem Inhalt der Verwaltungsvorgänge auch zu entnehmen, dass das Enteignungsverbot schon bestand, bevor die schädigende Maßnahme abgeschlossen war.

Eine Enteignung im Sinne des Vermögensgesetzes setzt keine bestimmte Form vo- raus. Sie ist vielmehr immer dann anzunehmen, wenn der frühere Eigentümer durch hierauf gerichtete staatliche Maßnahmen vollständig und endgültig - faktisch - aus seinem Eigentum verdrängt worden ist (vgl. Urteil vom 6. Dezember 1996 - BVerwG 7 C 9.96 - Buchholz 428 § 1 VermG Nr. 96); Urteil vom 13. Februar 1997 - BVerwG 7 C 50.95 - BVerwGE 104, 84 <87>; Urteil vom 6. April 1995 - BVerwG 7 C 5.94 - BVerwGE 98, 137 <141>). Daraus folgt, dass im Falle des Restitutionsausschlusses für Enteignungen auf besatzungshoheitlicher Grundlage nach § 1 Abs. 8 Buchst. a 2. Alternative VermG für die Bestimmung des Zeitpunkts der Enteignung ebenfalls weitgehend faktische Kriterien heranzuziehen sind. Entscheidend ist dabei, wann die Enteignung des jeweiligen Vermögenswertes in der Rechtswirklichkeit erstmals greifbar zum Ausdruck kam (Urteil vom 13. Februar 1997 - BVerwG 7 C 50.97 - BVerwGE 104, 84 <87>). Das bloße In-Kraft-Treten der Bodenreformverordnung reicht hierfür nicht aus. Denn es war mit dem erforderlichen Vollzugselement noch nicht verbunden. Die Vorschriften der Bodenreformverordnung bedurften noch einer weiteren Umsetzung durch staatliche Stellen im Sinne eines tatsächlichen Zugriffs auf den jeweiligen landwirtschaftlichen Betrieb, um die endgültige und vollständige Verdrängung des bisherigen Eigentümers aus seinem Eigentum deutlich zu machen (Urteil vom 13. Februar 1997 - BVerwG 7 C 50.95 - BVerwGE 84 <87>).

Aus dem Gesamtzusammenhang der vom Verwaltungsgericht festgestellten Tatsachen und dem Inhalt der Verwaltungsvorgänge ergibt sich für den vorliegenden Fall, dass die enteignenden Maßnahmen zwar schon 1945 in die Wege geleitet worden sind. Sie führten jedoch zum Zeitpunkt der Abfassung des amtlichen Schreibens des Oberbürgermeisters der Stadt W. vom 10. Februar 1946 noch nicht zu einer endgültigen und vollständigen Verdrängung des bisherigen Eigentümers aus seinem Eigentum. Die Enteignungsmaßnahmen stellen sich im Nachhinein als einen Prozess dar, der zum Zeitpunkt des Vorliegens des Enteignungsverbots noch nicht abgeschlossen war. Die Umschreibung des Eigentums im Grundbuch erfolgte erst später.

3. Das Verwaltungsgericht hat ebenfalls zu Recht das Vorliegen des Schädigungstatbestandes des § 1 Abs. 1 Buchst. a VermG bejaht, da das Gut entschädigungslos enteignet wurde und die betreffenden Grundstücke in Volkseigentum überführt worden sind.

4. Entgegen der Auffassung der Beigeladenen beruht das Urteil des Verwaltungsgerichts auch nicht auf einer rechtsfehlerhaften Anwendung des § 2 Abs. 1 VermG. Denn aus der Anmeldeerklärung des Klägers vom 12. September 1990 ergibt sich, dass der Kläger umfassend Ansprüche bezüglich des Gutes S. erhoben hat: "Ich mache ... Ansprüche an dem Rittergut S... geltend, das von der Familie T. bewirtschaftet wurde". Zwar geht nicht aus der Anmeldeerklärung hervor, an wen eine Rückübertragung erfolgen solle. Die Anmeldeerklärung ist aber auslegungsfähig und nicht in einem beschränkten Sinne zu verstehen. Eine Konkretisierung der Anmeldung ist nach der Rechsprechung des Senats (Beschluss vom 30. November 2000 - BVerwG 8 B 206.00 - Buchholz 428 § 30 a VermG Nr. 22) auch noch nach Ablauf der Anmeldefrist zulässig. Sie ist aber nur dann bindend, wenn sie bereits endgültig ausgeübt wurde. Eine endgültige Konkretisierung der Anmeldung hat der Kläger entgegen der Auffassung der Beigeladenen nicht im ersten Durchgang des Prozesses vor dem Verwaltungsgericht Magdeburg vorgenommen, da dessen erstes Urteil vom 10. Juni 1998, in dem das Begehren des Klägers mit Rückübertragung des ehemaligen landwirtschaftlichen Unternehmens Rittergut S. auf ihn umschrieben wurde, aufgehoben ist und damit nicht bindend sein kann.

5. Das Verwaltungsgericht ist zwar im hier angegriffenen Urteil nicht mehr ausdrücklich auf die Vorschriften über die Unternehmensrestitution (§ 6 VermG) eingegangen. Es ist aber, wie sich aus Tatbestand und Tenor seiner Entscheidung ergibt, davon ausgegangen, dass es sich bei dem Rittergut S. um ein noch "lebendes" Unternehmen im Sinne von § 6 Abs. 1 Satz 1 VermG handelt. Diese Annahme haben auch die Beteiligten in der Tatsacheninstanz nicht angezweifelt. Das Verwaltungsgericht ist gleichermaßen davon ausgegangen, dass Johannes und Martha T. im Zeitpunkt der Schädigung Inhaber des Rittergutes waren, jedenfalls hat es keine widersprechenden Tatsachen festgestellt, und die Beteiligten haben auch daran vorinstanzlich keine Zweifel geäußert. Folglich konnte das Verwaltungsgericht zu Recht die Erben nach Johannes und Martha T. als Restitutionsberechtigte ansehen.

Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 und 3 VwGO.

Beschluss

Der Wert des Streitgegenstandes wird für das Revisionsverfahren auf 511 291,87 € (entspricht 1 Mio DM) festgesetzt.



Ende der Entscheidung

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